Selbstverständliche Begegnungen
Freitag, den 20. Mai 2011 um 17:37 Uhr

Es war ein Freitagnachmittag voller Widersprüche. Geplant waren im Rahmen der „Woche gegen Armut und Ausgrenzung“ Begegnungen von Bewohnern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des „Hauses an der Verdistraße“ mit der Obermenzinger Bevölkerung.


 

Die „Woche gegen Armut und Ausgrenzung“ war von REGSAM (Regionale Netzwerke für Soziale Arbeit in München), einem Projekt der Landeshauptstadt München, initiiert worden. Das „Haus an der Verdistraße“ ist Teil des Netzwerkes im Münchner Westen und eine stationäre Einrichtung der Behindertenhilfe. Es verfügt über 58 Wohnplätze. Wohnungslose Männer, die intensive Hilfen benötigen, finden dort umfassende Unterstützung. Träger des Hauses ist der Wohnhilfe e.V.

Die Obermenzinger sollten nun an jenem Freitagnachmittag des 20. Mai 2011 – neugierig geworden durch buntes Flohmarkttreiben und einen Hauch von Volksfest hinter dem „Haus an der Verdistraße“– ihren Informationshunger in Bezug auf das Haus stillen können, und alle sollten miteinander ins Gespräch kommen.Am Ende waren es fast ausschließlich Insider, Freunde und Verwandte, die sich mit den „Verdistraßlern“ austauschten und auf den wenigen Flohmarktständen ihre Waren feil boten, wie z.B die stellvertretende Seniorenbeiratsvorsitzende der Landeshauptstadt München, Frau Miroschnikoff, die ihren Flohmarkt-Erlös freundlicherweise dem „Haus an der Verdistraße“ zur Verfügung stellte. Und dennoch war es ein entspannter Nachmittag, bei dem sich niemand ausgegrenzt oder isoliert fühlte. Die Obermenzinger kennen das „Haus an der Verdistraße“. Ihr Bedarf an Information über das Haus ist befriedigt, viele Bürgerinnen und Bürger ratschen hin und wieder beim Einkaufen oder beim Passieren des Hauses mit den Bewohnern – alles easy und okay. Man hatte an diesem sonnigen Freitagnachmittag eher das Gefühl, nur ein spektakulärer „Event“ mit Live-Musik, Artisten und Gauklern hätte die Obermenzinger von ihren Terrassen, Balkonen und Gärten weg locken können.

Als Symbol gegen Ausgrenzung in unserer Gesellschaft ließen Gäste, Bewohner und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses schließlich 99 Luftballons gen Himmel steigen; jeder begleitet von dem Wunsch, möglichst hoch, weit und grenzüberschreitend zu fliegen – und versehen mit einem Gruß aus dem „Haus an der Verdistraße“. Gegen 17Uhr30 musste das kleine Hinterhof-Happening wegen eines aufziehenden Gewitters beendet werden und der ganz normale Alltag zog wieder in das „Haus an der Verdistraße“ ein.

Gegen Armut und Ausgrenzung zu sein, bedeutet, für Partizipation zu sein, für gleichberechtigte Begegnung und für bereichernde Beziehungen – und für gegenseitiges Geben und Nehmen. Die Bewohner des Hauses an der Verdistraße sind auf dem Weg dorthin gut vorangekommen, wie auch in Presseberichten und in den Jahresberichten des Hauses nachzulesen ist.

Wenn es selbstverständlich geworden ist, dass Obermenzinger Nachbarn die Bewohner des Hauses zu einem Grillfest einladen, wenn es nichts mehr besonderes ist, wenn Nachbarn mit den Bewohnern des Hauses in deren Veranstaltungsraum ein Fußball-Europameisterschafts-Spiel anschauen, dann ist ein weiterer großer Schritt getan, sich gleichberechtigt zu begegnen.

Dass die Auftaktveranstaltung der „Woche gegen Armut und Ausgrenzung“ im Pasinger Rathaus von Bewohnern des „Hauses an der Verdistraße“ besucht worden ist und ein Bewohner bei einer Diskussionsveranstaltung dort qualifiziert das Wort ergriffen hat, ohne Irritationen oder Getuschel auszulösen, ist nichts besonderes mehr – Gott sei Dank!